Noch’n Gedicht – und noch’n Dashboard

Aber wie auch immer:
Mir gehen die Medien langsam auf den Nerv.

Denn:
Wenn ich zum Beispiel in den abonnierbaren und an den Kiosken erhältlichen Zeitungen bestimmte Themen behandelt sehe, fällt mir auf, dass zu den gleichen Themen zum Beispiel im Essener “Lokalkompass” erstens ganz anders berichtet und zweitens zu spontanen Stellungnahmen aufgefordert wird.

Der “Lokalkompass” erscheint im Netz, wird aber inhaltlich zu großen Teilen mittwochs und sonnabends auch als Printausgabe kostenlos frei Haus geliefert. Er finanziert sich dann etwa als “West-Anzeiger” über die zahlreich zu findenden Werbeschaltungen und Kleinanzeigen.

So weit, so gut. – Doch wo kommen die verschiedenen “Wahrheiten” her, die so unterschiedlichen Betrachtungswinkel? Weshalb wird in der “normalen” Presse so steril und in oft verklausulierter, kühler “Journalistensprache” berichtet und in den WEB- und Stadtteil-Postillen “Klartext” geredet? – Weil in den klassischen Medien die “political correctness” eingehalten wird, dagegen in den “bürgernahen” Veröffentlichungen die Glaub- und Vertrauenswürdigkeit im Vordergrund stehen muss?

In den oft endlos langen Schlangen von Kommentaren zu brandheißen Themen schlägt sich nieder, was Bürger von ihren Politikern und von den Verwaltungen halten, was sie auch selbst erlebt haben und was sie sich wünschen.
Während entsprechende Themen in der Tagespresse recht vorsichtig abgehandelt und oft nur abgehakt und dann von den Themen der nächsten Tage zugeschüttet werden, kochen die gleichen Themen etwa im “Lokalkompass” oft über viele Tage auf großer Flamme. Sie haben es auch verdient, weil sie meistens auf Missständen beruhen, welche die Politik erst selbst herbeigeführt und danach zu beseitigen versprochen hat.

Da kommt Verdacht auf

Öffentlich sind beide: die klassischen und die den neuen Möglichkeiten angepassten Medien. Warum aber geben sich die “alten” Medien so zurückhaltend kühl, formulieren sogar in Kommentaren oder “Kästen” so vornehm verklausuliert, dass es niemandem wehtut und von “Normalos” kaum verstanden wird, während in den WEB- und Print-Postillen oft “die Sau rausgelassen” wird und viele Themen schon in den Beiträgen selbst den Nerv von Lesern treffen, die dann auch noch zu ihrer Meinung befragt werden.

Wie das?
Auch dahinter kann “political correctness” stecken, die Einbettung in einen kommoden Mainstream, weil ja “alles gesagt und nichts verborgen” wird. Die Bürger mögen oder sollen sogar den Eindruck gewinnen, dass “nichts unter den Teppich” gekehrt, sondern ganz im Gegenteil alles öffentlich gemacht wird und öffentlich sogar diskutiert werden kann und darf.

Was das soll? – Hier kann sich Bürgerzorn austoben und sich über die jeweilige Aktualität hinaus von den Neuigkeiten zu den nächsten Säuen, die durchs Dorf getrieben werden, verschütten lassen, danach aber weitgehend in Vergessenheit geraten.
Raffiniert…
…und ein Teil der Überflutung mit Informationen, die in ihrer Gesamtheit kaum anderes bewirken als eine totale Desinformation. Siehe dazu auch die “Pissrinnen der Nation”, wie der Satiriker Schramm die Quasselrunden bei WillMaischbergerJauchIllnerPlasberg bezeichnet hat.

Die Reflexionstiefe, also das gründliche und und auch tiefer durchdringende Nachdenken zu gewissen Themen und Stichworten, dürfte allgemein sehr unterentwickelt sein und zudem meistens am notwendigen Bildungsgrad scheitern. Das ist – zugunsten der “political correctness” – auch gut so. Es macht das Regieren und das “Durchgreifen” beim Regieren auf allen Ebenen leichter. Und man versteht vielleicht, warum die Bildungsmisere in der Bundesrepublik eher beabsichtigt sein mag. Zu der Dummheit vieler Abgeordneter bis hoch zum Bundesparlament, die den Durchmarsch auch von höchst dubiosen Regierungsvorlagen erst ermöglicht, gesellt sich die Dummheit der meisten Bürger, die schon allein durch den Begriff “Wahlgeschenke” ausreichend markiert wird. Denn eine Demokratie, bei der Wahlen durch (von den Bürgern selbst zu bezahlende) “Geschenke” zugunsten bestimmter Parteien beeinflusst werden mögen, kann keine wirkliche Demokratie sein. Da geht es eher um Stimmungsmache für einen elitären Klüngel zwischen “Macht und Moos”, für den es über “Wahlen” jeweils den Beifall zu finden gilt.

Gebildete und dadurch “mündige” Bürger wären der Tod der heutigen Parteienlandschaft. – In jedem Karnickelzuchtverein, Taubenverein oder Motorradclub findet man Mitglieder, die von ihrem Metier etwas verstehen, doch in den Parteien tummelt sich alles, was zu allem eine Meinung hat und zu Vielen auch Patentrezepte verzapfen möchte. Karriere machen jedoch jene, die am besten tarnen, tricksen, täuschen, nach dem Munde reden und netzwerken können. Ihr “Sachverstand” beschränkt sich meistens darauf, solchen mit glattem Gerede vortäuschen zu können. Antworten auf Nachfragen werden vertagt, weil man ja nie gerade ausreichend Zeit hat.
Heute geht das sogar so weit, dass Journalisten von politischen Verantwortungsträgern vor laufender Kamera einfach stehen gelassen werden, ohne dass die Journalisten zurückschlagen und die täglichen, wöchentlichen, monatlichen Verantwortungslosigkeiten in einem wöchentlichen Magazin gebündelt publizieren. – Haben sie Angst, sie könnten nicht mehr bis zu den Barrieren vorgelassen und nicht mehr eingeladen werden? Funktioniert die “Schere im Kopf” so gut im Sinne der Macht?

Man darf sich fragen, ob neue “bürgernahe” Medien nicht in Wahrheit ein Placebo sind, das mit Demokratie nichts zu tun hat, und ob sie nur der Beschwichtigung dienen, dem Glätten von Wogen und dem Erschließen neuer Einnahmequellen für die Verlage.
Honi soit qui mal y pense…Es gibt auch gutwillige Menschen.

 

About consulting

Inaktiver Print-Journalist und TV-Realisator. Schwerpunkt: PC-IT und Multimedia einschl. (später privater) Video-Produktion.
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